25.08.1915
Billerbeck
–
05.11.1943
Auschwitz
Ruth war die Tochter von Joseph und Selma Albersheim. Sie hatte zwei ältere Brüder, Herbert und Walter. Ihre Familie lebte von einem Bekleidungsgeschäft an der heutigen Landstr. 3 in Billerbeck, das ab 1933 boykottiert wurde. Während ihre Brüder aus Deutschland flohen und den Holocaust im Ausland überlebten, heiratete Ruth am 6.1.1935 Otto Eichenwald und blieb mit ihm bei ihren Eltern. Das Ehepaar bekam zwei Kinder: Rolf-Dieter und Eva. Am 29.9.1938 zog die Familie nach Krefeld in die Dreikönigenstraße 16, wo auch ihre Tante Adele Albersheim lebte. Das Haus wurde wenig später zu einer Zwangsunterkunft („Judenhaus“). Das Geschäft in Billerbeck verkaufte die Familie an Linus Lammerding, der sie zum Teil in Nahrungsmitteln und Kleidung bezahlte, die er nach Krefeld schickte. Um zusätzlich Geld zu verdienen, arbeitete Ruth in einer Kartonagenfabrik und ihr Mann leistete Zwangsarbeit bei einer Tiefbaufirma. Sie hatten sich rechtzeitig um Ausreisepapiere bemüht, doch es scheiterte am fehlenden Geld. Am 13.1.1941 starb Ruths Vater in Krefeld, am Ende des Jahres ihre Tante Adele. Am 11.12.1941 wurde Ruth mit ihrer Mutter, ihrem Mann und ihren Kindern in das Ghetto Riga deportiert. Otto kam von dort in das KZ Salaspils, wo er bereits im Januar 1942 ums Leben kam. Bei der Auflösung des Ghettos am 2.11.1943 wurden Ruth, ihre Mutter Selma, Eva und Rolf-Dieter nach Auschwitz deportiert und sofort ermordet.
Literatur und Quellen
Drovs, Dagma: Zechor – Erinnere Dich! Die jüdischen Familien in Billerbeck von den Anfängen bis zur Shoa, in: Geschichtsblätter des Kreises Coesfeld, hrsg. v. Kreisheimatverein Coesfeld e.V., 28. Jg. 2003: Coesfeld, S. 105-190.
Meyer-Ravenstein, Veronika: Zersplitterte Sterne. Erinnerungen an jüdische Familien in Billerbeck und ihre Zeit, hrsg. v. Förderverein Mahnmal Billerbeck e.V., 2002: Dülmen.
Website Familiengeschichte: https://www.genealogybos.com/verhalen_stories/Albersheim/Familie_Albersheim_uit_Billerbeck_Deutsch.html
AG Spuren finden: Zum Gedenken an Rolf-Dieter und Eva Eichenwald (AG der städt. Realschule Billerbeck, 2003) (USHMM)
Sammlung USHMM (Albersheim family papers: 2007.18.1): https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn518697?rsc=23186&cv=5&x=&y=&z=
Text: Martin Heiter
Ruth war die Tochter von Joseph und Selma Albersheim. Ihre Familie hatte ein Haus und ein Bekleidungsgeschäft an der heutigen Landstr. 3 in Billerbeck. Sie hatte zwei ältere Brüder, Herbert und Walter. Ab März 1933 wurde ihr Bekleidungsgeschäft boykottiert. Falls Kunden dennoch einkaufen wollten, wurden sie von SA-Leuten davon abgehalten, das Geschäft zu betreten. Ihr Bruder Walter wanderte schon 1933 nach Spanien, dann in die Niederlande aus. Er entging später der Deportation, da die Frau, die er geheiratet hatte, nichtjüdisch war und eine Schweizer Staatsbürgerschaft hatte. Ruth blieb mit Herbert bei ihren Eltern. Am 4.1.1935 heiratete sie den vor einem Jahr aus Horstmar zugezogenen Otto Eichenwald. Bei der Hochzeit riet ihnen ihre Cousine Anna Albersheim, die Auswanderung zu beantragen. Doch Ruth und Otto wollten das Geschäft der Eltern übernehmen, um diese zu entlasten. Außerdem bekamen sie 1936 ihren Sohn Rolf-Dieter und ein Jahr später ihre Tochter Eva. Als Ruths ältester Bruder Herbert 1937 über Amsterdam in die USA flüchtete blieben sie in Billerbeck.
Im September 1938 war im Billerbecker Anzeiger eine Anzeige zu sehen, in der die Familie ihre Einrichtungsgegenstände wegen „Fortzuges“ anbot. Am 29.9.1938 zog Ruth mit ihrem Mann, ihren Eltern und ihren Kindern zu ihrer Tante Adele Albersheim, in eine kleine Wohnung in der Dreikönigenstr. 16 in Krefeld. Das Haus wurde kurze Zeit später zu einer Zwangsunterunterkunft („Judenhaus“) umgewandelt. Zwei Tage nach ihrer Ankunft in Krefeld übernahm Linus Lammerding das Geschäft ihrer Eltern. Der Verkauf war so geregelt, dass er nicht nur in Geld sondern auch in Sachwaren und Lebensmitteln bezahlte. Ruths Vater Joseph führte bis kurz vor seinem Tod am 13.1.1941 einen freundlichen Briefverkehr mit Linus Lammerding, in welchem er ihn um Lebensmittel bat und codiert Informationen über die Lage seiner Familie mitteilte.
Ruth arbeitete ab Mitte 1939 in einer Kartonagenfabrik, Otto war im Zwangsarbeitseinsatz bei einer Tiefbaufirma. Sie hatten Auswanderungspläne zu Ruths Bruder Herbert nach Baltimore. Dieser hatte dort eine Anstellung in einem Warenhaus gefunden. Ruth hatte auch schon die Auswanderungspapiere besorgt, doch fehlte es ihnen an Geld für die Ausreise aller Personen. Am 3.10.1941 starb Ruths Tante Adele. Als im Herbst 1941 mit Linus Lammerdings Schwester Anni Leuters der letzte Besuch aus der Heimat kam, war die Stimmung bei der Familie Eichenwald schon sehr bedrückt. Sie hatten bereits den Bescheid zur kurz bevorstehenden „Evakuierung“ erhalten. Ihr gesamter restlicher Besitz, darunter ein Gartengrundstück in Billerbeck, wurde vom Staat eingezogen. Am 11.12.1941 wurden Ruth Eichenwald mit ihrem Mann Otto, ihrer Mutter Selma und ihren Kindern Rolf-Dieter und Eva und vielen anderen Krefelder Jüdinnen und Juden zum Düsseldorfer Schlachthof gebracht und am nächsten Morgen in das Ghetto Riga deportiert.
Wenige Tage nach ihrer Ankunft im Ghetto wurde Otto Eichenwald, wie viele andere junge Männer, zum Aufbau des KZ Salaspils abkommandiert. Bereits im Januar 1942 kam Otto ums Leben, ob aufgrund der Kälte, des Hungers oder der Willkür der SS-Bewacher, ist ungewiss. Ruth kam in ein „günstiges“ Arbeitskommando und schaffte es so, ihre noch kleinen Kinder und ihre Mutter vor dem Zugriff der SS zu bewahren, die verschiedene „Aktionen“ durchführte, d.h. alte und kranke, nicht mehr arbeitsfähige Menschen, aber auch Kinder selektierte und ermordete.
Am 2.11.1943 wurde das Ghetto Riga aufgelöst. Viele arbeitsfähige Ghetto-Insass*innen kamen in das KZ Kaiserwald oder dazugehörige Arbeitskommandos. Ruth, Selma und die Kinder gehörten zu den rund 2.500 Jüdinnen und Juden, die nach Auschwitz deportiert wurden. Die meisten Angehörigen dieses Transportes wurden sofort nach ihrer Ankunft ermordet, so auch Ruth, ihre Mutter und ihre Kinder. Eva war fünf Jahre, Rolf-Dieter sieben Jahre alt.
Text: Martin Heiter
Der Stammbaum wird aktuell überarbeitet und ist bald wieder verfügbar. Vielen Dank für Ihre Geduld.