Dr. Otto Bradfisch

10.05.1903 Zweibrücken – 22.06.1994 Seeshaupt

Dr. Otto Bradfisch war ein deutscher Volkswirt, Jurist und SS-Obersturmbannführer, der vor allem durch seine Funktion im nazistischen Gewaltapparat bekannt wurde. Bereits 1931 Mitglied der NSDAP, trat er 1935 in den bayerischen Staatsdienst ein und bewarb sich 1937 für den Dienst bei der Gestapo, zunächst als stellv. Leiter, dann als Leiter der Gestapo in Neustadt an der Weinstraße, wo er an Verhaftungen, Verhören und Misshandlungen politischer Gegner beteiligt war. Der SS gehörte Bradfisch seit 1938 an. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion wurde Bradfisch Führer des SS-Einsatzkommandos 8 der Einsatzgruppe B. Unter seinem Kommando wurden tausende Jüdinnen und Juden, Kommunisten und Kriegsgefangene ermordet. Ab April 1942 leitete er die Gestapo Litzmannstadt (Łódź) und wurde später kommissarischer Oberbürgermeister der Stadt. Dort war er maßgeblich an der Deportation von über 100.000 jüdischen Menschen in die Vernichtungslager Chełmno und Auschwitz-Birkenau beteiligt. Nach Kriegsende tauchte Bradfisch unter falschem Namen unter und lebte - bald auch unter seinem richtigen Namen - unbehelligt in Deutschland. Erst 1958 wurde er verhaftet. 1961 und 1963 wurde er in NS-Prozessen in München und Hannover wegen Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord in mehreren zehntausend Fällen zu insgesamt 13 Jahren Haft verurteilt, erhielt allerdings mehrfach Haftunterbrechung und wurde 1969 vorzeitig entlassen.

 

Literatur und Quellen:

Klein, Peter: „Ein Strafmaß in dieser Höhe war ein Glücksfall". Der Mordgehilfe. Schuld und Sühne des Dr. Otto Bradfisch, in: Klaus-Michael Mallmann/ Andrej Angrick (Hg.): Die Gestapo nach 1945. Karrieren, Konflikte, Konstruktionen, Darmstadt 2009, S. 221-234.

Urteil des LG München I, 21. Juli 1961. In: Justiz und NS-Verbrechen. Sammlung deutscher Strafurteile wegen nationalsozialistischer Tötungsverbrechen 1945–1966, Bd. XVII, bearbeitet von Irene Sagel-Grande, H. H. Fuchs, C. F. Rüter. Amsterdam 1977, Nr. 519, S. 657–708 (online: https://junsv.nl/westdeutsche-gerichtsentscheidungen)

Urteil des LG Hannover, 18. November 1963. In: Justiz und NS-Verbrechen. Sammlung deutscher Strafurteile wegen nationalsozialistischer Tötungsverbrechen 1945–1966, Bd. XIX, bearbeitet von Irene Sagel-Grande, H. H. Fuchs, C. F. Rüter. Amsterdam 1978, Nr. 557, S. 485–557 (online: https://junsv.nl/westdeutsche-gerichtsentscheidungen)

Bundesarchiv, R 1501/213888 (Personalakte)

BA Berlin, BDC, SSO-Akte Otto Bradfisch

 

Text: Joachim Schröder

Stammbaum

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