23.03.1896
Aurich
–
1942
Izbica
Erna Wolff stammte aus einer kinderreichen jüdischen Familie in Aurich und lebte dort zusammen mit ihrem Mann, dem Kaufmann Wilhelm Wolff, und den gemeinsamen Kindern Rosa, Berndt und Erika in der Marktstraße 25. In der Pogromnacht im November 1938 wurde Wilhelm verhaftet und ins KZ Sachsenhausen verschleppt. Er kam im Dezember 1938 frei und ein halbes Jahr später musste die Familie umziehen, vermutlich aus wirtschaftlichen Gründen. Die Stadt Aurich beschloss, dass bis zum 1.4.1940 alle Jüdinnen und Juden die Stadt zu verlassen hätten – so musste die Familie wieder eine neue Bleibe suchen. Erna und Wilhelm schickten ihre Kinder Berndt und Erika zur Unterbringung in ein Kinderheim in Köln, Rosa kam im jüdischen Altenheim in Emden unter, wo sie möglicherweise als Dienstmädchen arbeitete. Erna und Wilhelm zogen in eine Unterkunft der Jüdischen Gemeinde in Berlin (Rosenstraße 2-4), wo Wilhelm bereits am 5.5.1940 verstarb. Erna kam dann nach Recklinghausen und konnte ihre Kinder zu sich holen. Bald darauf zogen sie nach Oberhausen, wo sie in der Ellenbogenstraße 10, einem „Judenhaus“, leben mussten. Am 21.4.1942 wurden Erna, Rosa, Berndt und Erika mit anderen Jüdinnen und Juden aus Oberhausen zur Sammelstelle am Düsseldorfer Schlachthof gebracht. Nach einer Nacht in der Viehhalle wurden sie in das Ghetto Izbica deportiert, wo sich die Spur der Familie verliert. Entweder kamen sie im Ghetto selbst ums Leben, oder sie wurden in Bełżec oder Sobibór ermordet.
Literatur und Quellen:
Deportationsliste von Düsseldorf nach Izbica, 22.4.1942, Arolsen Archives, 1.2.1.1./0019A (https://collections.arolsen-archives.org/de/document/11199127)
Geni.com: Stammbaum der Familie Wolff (https://www.geni.com/people/Wilhelm-Wolff/600000003373126114)
Genealogy.net (https://www.online-ofb.de/)
Judenregister Aurich. Niedersächsisches Landesarchiv Aurich, Rep. 248, Nr. 943, S. 188, Nr. 255
Meldekarten (NLA Aurich)
Weferling. Sandra: Erna Wolff (Stolpersteine Aurich: https://stolpersteineaurich.com/2010/03/09/erna-wolff-geb-wallheimer/)
Zwangsversteigerung. NLA Aurich, Rep. 121, Nr. 2088 und Rep. 91, Nr. 262
Text: Jule Schouren/Dr. Sandra Weferling
Erna wächst in Aurich im Kreise einer großen und weit verzweigten Familie auf. Insgesamt hat Erna 17 Geschwister, von denen jedoch nur acht das Erwachsenenalter erreichen, die meisten ihrer Brüder und Schwestern versterben in den ersten drei Lebensjahren, oft sogar noch in den ersten Tagen nach der Geburt. Die überlebenden Brüder und Schwestern von Erna lassen sich ebenfalls zum Teil in Aurich nieder.
1923 heiratet Erna den Kaufmann Wilhelm Moses Wolff. Wilhelm wächst mit seinen neun Geschwistern ebenfalls in Aurich auf, wird Kaufmann und lässt sich in Aurich nieder. Bereits im Jahr nach der Hochzeit kommt das erste Kind von Erna und Wilhelm zur Welt. Ihr Sohn Meinhard Wilhelm wird am 14.4.1924 geboren, er verstirbt jedoch noch am Tag seiner Geburt. Am 29.1.1926 erblickt Tochter Rosa das Licht der Welt. Sie wird nach ihrer Großmutter, der Mutter ihres Vaters, benannt. Rosas kleiner Bruder Berndt Leopold wird am 24.1.1930 geboren. Seine Eltern geben ihm den Zwischennamen Leopold in Gedenken an Wilhelms Bruder, der 1916 im Ersten Weltkrieg fiel. Drei Jahre später, am 22.8.1933 kommt das Nesthäkchen Erika in Aurich zu Welt. Zeitgleich zieht die Familie in eine Wohnung hier in der Marktstraße 25 um, wo nun auch die Stolpersteine verlegt wurden.
Auf den Geburtsurkunden der Kinder ist als Beruf des Vaters zunächst Kaufmann, bei Berndt und Erika dann „Reisender“ angegeben. Wilhelm war demnach wohl als fahrender Händler tätig und besaß keine Geschäftsniederlassung in der Stadt. Die Geschäfte sind vermutlich nicht herausragend gut gelaufen.
Der Aufstieg der Nationalsozialisten und die ersten Boykottaktionen ab Frühjahr 1933 werden die finanzielle Situation der Familie erschwert haben. Wie die anderen jüdischen Kinder aus Aurich werden Rosa, Berndt und Erika unter Schikanen, Drohungen und Misshandlungen durch sogenannte „arische“ Erwachsene und auch Kinder gelitten haben. Als besonders schlimm müssen die Kinder die Pogromnacht erlebt haben. Es werden reichsweit die Synagogen in Brand gesetzt und auch das Auricher Gotteshaus wurde zerstört. Alle jüdischen Familien werden geweckt und aus den Häusern getrieben, die Männer werden verhaftet und zur sogenannten „Bullenhalle“ gebracht, wo sie bedroht und gedemütigt wurden. Auch Wilhelm Wolff ist darunter.
Am nächsten Morgen wird Wilhelm gemeinsam mit den übrigen verhafteten zum Ellernfeld gebracht, wo gerade ein Sportplatz angelegt wird. Die Männer müssen hier den ganzen Tag lang unsinnige Arbeiten ausführen, wie Sand von der einen Seite des Platzes zur anderen zu bringen, wobei viele Todesangst haben, denn sie befürchten, im nächsten Moment vor einem der Sandhügel erschossen zu werden. Erst um 18 Uhr ist die Tortur vorbei und die Männer werden ins Auricher Gefängnis gebracht, wo sie die Nacht verbringen und nun zum ersten Mal etwas zu essen und zu trinken erhalten. Am nächsten Morgen wird Wilhelm mit den übrigen Auricher Juden zunächst nach Oldenburg und dann ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht.
Wilhelm wird deutlich früher als die meisten Auricher entlassen, die vielfach bis Mitte Januar in Sachsenhausen interniert waren. Er kann bereits am 15.12.1938 zu seiner Familie heimkehren. Der Grund für die frühe Entlassung ist unklar. Mehrere Auricher wurden noch im Dezember entlassen, weil sie sehr krank waren und zudem im Ersten Weltkrieg mitgekämpft hatten. Da Wilhelm bei Kriegsausbruch bereits 16 Jahre alt war, ist es denkbar, dass auch er zu den Kriegsveteranen gehörte, die früher nach Hause zurückkehren durften.
Rund ein halbes Jahr später muss die Familie erneut umziehen. Ab dem 16.6.1939 wohnen Wilhelm, Erna, Rosa, Berndt und Erika in der Wallstraße 24, und von dort melden sie sich dann auch aus Aurich ab, denn bis zum 1.4.1940 sollten alle Juden Aurich verlassen haben. Eltern mit kleinen Kindern konnten zunächst nach Köln oder Hildesheim in eiligst eingerichtete Kinderheime schicken, um leichter bei Verwandten unterkommen und von dort aus eine Wohnung für die ganze Familie finden zu können. Wilhelm und Erna nutzen ebenfalls diese Möglichkeit. Berndt und Erika, zehn und sechseinhalb Jahre alt, verabschieden sich am 19.2.1940 von ihren Eltern und werden gemeinsam mit einer Reihe weiterer Kinder aus Aurich nach Köln gebracht. Rosa, die bereits 14 ist, kommt im jüdischen Altenheim in der Klaas-Tholen-Straße in Emden unter. Hier arbeitet sie möglicherweise als Dienstmädchen oder Haushaltshilfe. Wilhelm und Erna melden sich schließlich am 1.4.1940 aus Aurich ab. Als neue Adresse geben sie Berlin, Rosenstraße 2-4, an – eine Adresse der jüdischen Gemeinde.
Unklar ist, wie lange die Wolffs in Berlin bleiben und wann die Kinder zu den Eltern zurückgekehrt sind. Am 5.5.1940 trifft Erna und die Kinder der nächste Schicksalsschlag: Wilhelm verstirbt, Erna ist nun Witwe. Rosa, Berndt und Erika sind Halbwaisen. Erna zieht zunächst nach Recklinghausen, wohin auch die jüngere Tochter Erika zieht. Möglicherweise lebt auch Berndt dort bereits wieder bei seiner Mutter. Später sind Erna und alle drei Kinder in Oberhausen, in der Ellenbogenstraße 10, gemeldet.
Von Oberhausen aus werden Erna, Rosa, Berndt und Erika auch schließlich deportiert: Vermutlich mussten sie sich bereits am 21.4.1942 am Sammelpunkt in Oberhausen einfinden, von wo aus sie nach Düsseldorf gebracht wurden. Die Deportation der Familie sollte am nächsten Tag erfolgen. Offiziell wurden alle „umgesiedelt“ und an ihrem neuen Wohnort im Osten warteten angeblich Arbeitsplätze auf alle. Am 22.4.1942 verlassen schließlich 20 Personen- und Gepäckwagen den Bahnhof Düsseldorf-Derendorf. Gemeinsam mit Erna, Rosa, Erika und Berndt werden 938 Menschen ins Ghetto Izbica in Polen deportiert.
Das Schicksal von Erna Wolff und ihren Kindern Rosa, Berndt und Erika ist bis heute unklar. Ihre Spur verliert sich mit Besteigen des Zuges in Düsseldorf. Am 28.4.1943 wurde das Ghetto Izbica aufgelöst, alle Juden, die dort lebten, waren zu diesem Zeitpunkt in Vernichtungslager deportiert oder erschossen worden.
Erna Wolff war bei ihrer Deportation 46 Jahre alt, Rosa 16, Berndt 12 und Erika gerade einmal 9.
Text: Dr. Sandra Weferling
Quelle: https://stolpersteineaurich.wordpress.com/2010/03/09/erna-wolff-geb-wallheimer/
Der Stammbaum wird aktuell überarbeitet und ist bald wieder verfügbar. Vielen Dank für Ihre Geduld.